Das Lorettoviertel steht für viele inhabergeführte Geschäfte, eine vielfältige Gastronomie und dank diverser Straßenfeste auch für ein pulsierendes Leben. Aber es gibt ebenso viele Ecken, Geschäfte und Hinterhöfe, die weniger im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen. Unter Leitung von Nina Ditscheid, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Fotografie der Hochschule, haben Studierende des Fachbereichs Design im Rahmen eines Reportage-Fotografie-Seminars 14 Arbeiten und Konzepte entwickelt, die auf intensiver Recherche und einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Lorettoviertel in Unterbilk basieren.
Zu der inhaltlichen Auseinandersetzung gehörte auch die Konzeption und Durchführung einer Ausstellung. Mit „40219 – Blick Dazwischen“ präsentierten 15 Studierende ihre Arbeiten an neun Orten – und damit ihren ganz persönlichen Blick auf das Viertel rund um die Lorettostraße. Die Ausstellung lud dazu ein, das Quartier neu zu entdecken und auch jene Geschichten und Orte wahrzunehmen, die im Alltag leicht übersehen werden.
Vertraute Orte wurden mit anderen Augen betrachtet und eröffneten neue Perspektiven und Impulse. „Ein Stadtviertel erzählt seine Geschichte nicht allein über seine Architektur, sondern es wird von den Menschen geprägt, die dort leben. Sie verleihen dem Viertel täglich neues Leben, hinterlassen Spuren und machen den Ort zu dem, was er ist“, erklärt Nina Ditscheid. Zwischen belebten Straßen und ruhigen Hinterhöfen zeigte sich so ein vielschichtiges Bild des Lorettoviertels.
Die Arbeiten wurden an neun verschiedenen Orten rund um die Lorettostraße ausgestellt und damit bewusst in den Stadtraum eingebunden. Schaufenster, Innenräume und öffentliche Orte wurden zu Ausstellungsflächen. Besucher*innen konnten die einzelnen Stationen eigenständig erkunden oder an geführten Touren durch das Viertel teilnehmen.
Unter den Studierenden, die an dem Projekt teilnahmen, war Franka Brinkmeyer. In ihrer fotografischen Arbeit widmete sie sich einem Ort, der weit über seine handwerkliche Funktion hinausgeht: Im Zentrum steht die Schneiderin Tamara, deren Änderungsatelier seit vielen Jahren Teil von Unterbilk ist und Menschen über Generationen hinweg miteinander verbindet. Ausgehend von den persönlichen Erzählungen der Schneiderin erzählt die Arbeit von ihrem Lebensweg, ihrer Leidenschaft für das Handwerk und der engen Beziehung zu ihren Kund*innen.
Shirin Nazarova betitelte ihre Reportage „Hinter Moduscha“. Im Mittelpunkt steht die Modedesignerin Se Young Seo, deren Laden an der Lorettostraße Mode, Handwerk und kulturellen Austausch verbindet. Das zentrale Konzept von Moduscha besteht darin, die koreanische Schriftkultur im europäischen Kontext neu zu interpretieren und in eine moderne, zeitgemäße Designsprache zu übersetzen. Koreanische Schriftzeichen werden dabei nicht nur als kulturelles Symbol verstanden, sondern als gestalterisches Element, das koreanische Tradition mit europäischer Ästhetik verbindet. Die Fotoreportage begleitet den Arbeitsalltag im Atelier und gibt Einblicke in die gestalterischen Prozesse hinter dem Laden.
Die inszenierte fotografische Konzeptarbeit „Fundstücke“ von Michelle Ogarynska und Max Trepnau versteht Kleidung als Trägerin von Erinnerung, Haltung und Persönlichkeit. Ausgangspunkt ist die Geschichte von Claudia Hoehne und ihre frühe Verbundenheit zur Mode durch die Boutique ihrer Mutter. Dort entstand das Vertrauen, dass jedes Kleidungsstück seinen eigenen Wert und seine eigene Zeit besitzt. Manche Stücke sind Relikte aus der Vergangenheit. Doch Farben und Silhouetten kehren wieder, werden neu entdeckt und erhalten ein neues Leben. Sie wecken alte Erinnerungen und lassen zugleich neue entstehen. Die Arbeit zeigt Kleidung als lebendiges Archiv, offen für neue Geschichten. Was einmal getragen wurde, begegnet neuen Körpern, Blicken und der Gegenwart.
Wie lässt sich die Identität eines Stadtteils einfangen, der sich im permanenten Wandel befindet? Die Arbeit „Words of a Viertel“ von Michael Witriw näherte sich dem Lorettoviertel nicht aus einer distanzierten Perspektive, sondern durch ein partizipatives Experiment. Im Zentrum standen die Menschen der Nachbarschaft: Auf Post-its notierten sie ihre Assoziationen, Sehnsüchte, Kritikpunkte und Alltagsbeobachtungen anonym. Diese unzensierten und subjektiven Kommentare wurden wie Porträtaufnahmen in Rahmen inszeniert und als Fragmente einer Gemeinschaft präsentiert. Sie vermitteln einen ungefilterten Eindruck und zeichnen so ein direktes Bild des Viertels. Ein fotografisches Titelbild bündelt die Stimmen visuell und verdichtet die Summe aller Eindrücke zu einer kollaborativen Momentaufnahme des Lorettoviertels.
Auch die Resonanz auf die Ausstellung zeigte das große Interesse an diesen Perspektiven auf das Viertel. Bereits zur Eröffnung kamen mehr als 100 Besucher*innen zu den verschiedenen Ausstellungsorten. Am Samstag und Sonntag nahmen zudem rund 30 Besucher*innen an den angebotenen Führungen durch das Viertel teil. Dabei wurden nicht nur die fotografischen Arbeiten vorgestellt, sondern auch die jeweiligen Orte, Geschichten und Begegnungen sichtbar, aus denen sie entstanden waren.
Mit „40219 – Blick Dazwischen“ wurde das Lorettoviertel damit selbst zum Ausstellungsraum. Die Arbeiten der Studierenden machten sichtbar, was sich zwischen bekannten Straßen, Geschäften und Fassaden entdecken lässt und zeigten zugleich, wie vielfältig sich ein Stadtviertel fotografisch erzählen lässt.